Interview mit Paul Kautz Redakteur
Hallo Paul, schön das ich Dich von diesem Interview überzeugen konnte.
Deswegen wollen wir auch gleich mal loslegen...
AJ: Seit wann
beschäftigst Du Dich eigentlich mit Computern und Konsolen und was sind Deine
aktuellen Lieblingsspiele an PC, Amiga und Konsole?
PK: Oha. Puh. Ist schon eine Weile
her. Mein erster Kontakt mit Computern fand mit zehn oder elf Jahren statt
– da allerdings weniger im Bereich Spiele, sondern Programmierung. Jedenfalls,
wenn man Herumhantieren mit BASIC und Pascal als Programmierung bezeichnen
möchte. Auf DDR-Computern. KC 87 ftw! Aber irgendwo muss man ja anfangen. So richtig
los ging’s erst Anfang der Neunziger Jahre, als der Fall der Mauer den
Game Boy und das Mega Drive in mein Leben hievte. Aktuell verbringe ich den größten
Teil meiner verspielten Zeit an der Xbox 360 sowie der PSP. Lieblingsspiele? Die
wechseln wöchentlich. Gegenwärtig wohl Puzzle Quest, Call of Duty 4, skate
(alle 360), Castlevania: The Dracula X Chronicles (PSP) und Contra 4 (DS).
AJ: Bist Du eigentlich immer
noch Redakteur für Computer Magazine oder gehst Du inzwischen einer anderen
Beschäftigung nach?
PK: Ich bin immer noch auf der tippenden
Seite der Macht, habe allerdings raschelndes Papier gegen virtuelles getauscht
– ich schreibe seit 2002 als fest angestellter Redakteur für das größte
deutschsprachige Online-Spielemagazin 4Players.
AJ: Du warst
ja auch mal Redakteur beim berühmten Joker Verlag. Wann hast Du dort
eigentlich angefangen und bei welchen Magazin (Amiga Joker, PC Joker,
Multimedia Joker, Megablast, Sonderhefte, etc.) hast Du
mitgewirkt?
PK: Am 1. Oktober 1998 hatte ich
meinen Einstand in Baldham. Was bedeutet, dass ich ausschließlich mit dem PC
Joker zu tun hatte – zu diesem Zeitpunkt gab es die anderen Magazine ja
schon nicht mehr.
AJ: Wie bist Du damals überhaupt zum
Joker Verlag gekommen?
PK: Hauptsächlich mit Inline-Skates,
jedenfalls im Sommer. Sorry, den Gag konnte ich mir nicht verkneifen. Ahem. Die
tatsächliche Story geht wie folgt: Ich habe mich Ende August 1998 aus einer
Laune heraus beim Joker beworben; soweit ich mich erinnere, wurde zu dem
Zeitpunkt nicht mal jemand aktiv gesucht. Ich habe schon immer viel geschrieben
und auch gespielt, also dachte ich mir, dass es nicht die schlechteste aller
möglichen Ideen sein könnte, das für Geld zu kombinieren. Und den Joker las ich
ja auch schon seit Ewigkeiten. Nach ein paar Tagen tummelte sich
erstaunlicherweise eine Einladung zum Bewerbungsgespräch in meinem Briefkasten.
Ich fuhr runter, hatte ein längeres Gespräch mit Michael und Richy, und fand
mich drei Wochen später eine Wohnung suchend im Süden Deutschlands wieder. Das
Ganze ging surreal schnell.
AJ: Wie würdest Du rückblickend
das Klima beim Joker Verlag beschreiben? Als ehemaliger Joker-Leser kam es
mir immer so vor als wäre der Joker Verlag der lustigste und bunteste
Ort gewesen den man sich vorstellen kann. War dem so?
PK: Nun… ja und nein.
Innerhalb der Redaktion war der Zusammenhalt sehr stark, den größten Teil der
Schergen würde ich als meine Freunde bezeichnen. Ich habe z.B. sehr schöne
Erinnerungen an die Prügelspielabende mit Markus, an das gegenseitige
Männlichkeit-Beweisen mit Steffen (Kung-Fu-Suppe beim PEP-Chinesen überleben!),
an die allgemein gute Zeit mit Timo, die mit»Air Attack« durchzockten Abende
mit der ganzen Redaktion und vieles mehr. Nicht zu vergessen das Layout: Karl,
Daphne und Mario waren auf sehr angenehme Weise bekloppt. Es war definitiv ein
chaotischer, enthusiastischer, inspirierender, entspannter Haufen; ich habe
viel gelernt, und noch mehr Spaß gehabt. Das Arbeitspensum war zwar (gerade
nach den Relaunch, der das Heft mal eben doppelt so dick machte) ziemlich
heftig, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich ohnehin kein Problem damit, teilweise
bis zwei Uhr nachts in der Redaktion zu bleiben – es hat einfach dazugehört,
und ich hab’s gern gemacht. Wie die anderen auch, es gab schon eine
spürbare Beziehung zum Heft; die Hingabe der Mannschaft war einzigartig. Außerdem
waren die Arbeitszeiten alles in allem recht locker. Auch wenn der Joker Verlagwohl
das letzte Unternehmen auf diesem Planeten gewesen sein dürfte, in dem es eine
Stechuhr gab. Das war aber nur die eine Seite, die
andere war die Chefetage: Über Michael Labiner habe ich im Nachhinein nicht
viel Gutes zu sagen; ich habe ihn hauptsächlich als cholerischen,
egozentrischen Kontrollfanatiker und Widerling in Erinnerung, der mich mehr als
ein Mal zur Weißglut gebracht hat. Ein sehr unangenehmer Mensch, bei dem ich sehr
froh bin, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben muss. Gerade das letzte
halbe Jahr war kein Vergnügen mehr; der Druck, das Magazin zu retten, war zu
jeder Arbeitsminute spürbar.
AJ: Hast Du noch Kontakt zu den
ehemaligen Joker-Redakteuren?
PK: Zu einigen schon. Der Haufen
verstreute sich ja nach der Pleite in alle Winde, ich lebe seit mehr als zwei
Jahren in Hamburg, was die persönliche Note natürlich nicht einfach macht.
Dankbarerweise leben wir in einer Kommunikationsgesellschaft.
AJ: Alljährlich findet ja der berühmte "Adlertag" in der
Nähe von München statt, wo sich die ehemaligen Joker-Redakteure
treffen und vermutlich auch über die alten Zeiten sprechen. Nimmst Du an
diesen Treffen auch teil?
PK: Anfangs habe ich das, die
letzten drei Male musste ich allerdings passen. Wie gesagt, ich lebe und
arbeite mittlerweile in Hamburg, bin nur noch sehr selten, und da auch meistens
beruflich, in München. Wenn sich zukünftig die Gelegenheit ergibt, dann nehme
ich sie sicher wahr, aber auch sonst gibt es innerhalb der Branche genug
Gelegenheiten, die Schergen zu sehen. Wenn auch nicht alle am Stück.
AJ: Warst Du eigentlich bis zum bitteren Ende beim Joker
Verlag oder hast Du schon vorher das sinkende Schiff verlassen und wie
hast Du persönlich das Ende des Jokers empfunden?
PK: Ich war bis zum Fall des Beiles
da. Und es war für mich eine gemischte Empfindung: Zum einen war ich geschockt,
dass ein ganzer Verlag, ein Magazin, das es seit fast einem Jahrzehnt gibt,
einfach so von einem Tag auf den anderen ausgeknipst werden kann. Der Job beim
Joker war meine erste »richtige« Arbeitsstelle (ich hatte zwar vorher schon
einen Job nach dem Zivildienst, aber der hat mir keinen Spaß gemacht, so dass
ich ihn nicht zähle), der Niedergang war ein drastisches Beispiel der
Arbeitsmarktrealität. War für mich, glaube ich, außerdem das erste Mal, dass
ich so comicartig minutenlang mit offenem Mund und total sprachlos da saß. Merkwürdiges
Gefühl. Auf der anderen Seite war ich auch
irgendwie erleichtert: Wie bereits geschrieben, hatte ich in den
vorangegangenen Monaten nicht viel Freude an der Arbeit, ich hätte den Joker
Verlag innerhalb der nächsten paar Wochen vermutlich ohnehin verlassen - diese
Entscheidung wurde mir nun abgenommen.
AJ: Hast Du
noch einige Joker Hefte oder sind sie inzwischem dem Altpapier zum Opfer
gefallen?
PK: Da ich mich nur schwer von alten
Magazinen trennen kann, habe ich noch einen riesigen Stapel alter
Joker-Ausgaben im Keller. Allerdings nicht alle – speziell von den Ausgaben
vor 1994 fehlen mir viele. Ich lese mir immer wieder mal ein paar Nummern zum Spaß
durch, und bin dabei teilweise amüsiert, teilweise peinlich berührt. Jaja, die
guten alten Zeiten...
AJ: Dir ist bestimmt nicht entgangen das es von April 2003 bis
März 2004 ein Spielemagazin Namens "Der neue PC Joker" gab (www.pc-joker.net) das nichts mit dem alten
Joker zutun hatte. Auch er ist inzwischen untergegangen. Wie war Deine
Meinung zu diesem "Relaunch" des PC Joker?
PK: Ich fand das Heft in jeder
Hinsicht furchtbar: Es war inhaltlich und designtechnisch ein Desaster, das
offensichtlich nur fabriziert wurde, um den alten Namen möglichst schnell
auszuschlachten. Ich habe nur die Erstausgabe in den Händen gehabt, danach habe
ich das Teil gemieden. Es gab und gibt viele schlecht gemacht Spielemagazine -
das war eines der schlechtesten.
AJ: Bist Du, was
Computer- und Videospiele betrifft, eher der "Oldschool'er" der sich noch vom
Amiga oder C64 begeistern lassen kann oder gehörst Du eher zu den Next
Generation-Zockern die lieber am High-End-PC oder an der PS2
zocken?
PK: Eine Mischung aus beidem: Ich
spiele voller Begeisterung PSP und 360, auf beiden allerdings in nicht zu
unterschätzendem Maße Retro-Umsetzungen (Streets of Rage 2 auf 360 –
Hammer!) oder –Sammlungen (Empfehlung des Hauses: Segas Mega Drive
Collection für PSP). Von Berufs wegen bin ich natürlich eher der aktuellen Spielegeneration
zugewandt, privat hingegen dominieren ältere Games. Immerhin habe ich auch die
britische Retro Gamer im Abo, das meiner Meinung nach beste und nützlichste
Spielemagazin überhaupt.
AJ: Wie sieht Dein
privater Hardware-Fuhrpark aus? Hast du noch alte Rechner wie C64, Atari oder Amiga?
PK: Alte Rechner? Nein, von meinem
C64 und Amiga habe ich mich schon lange vor meiner Joker-Zeit getrennt - ich
war schon immer mehr der Konsolenfreund. Deswegen tummeln sich bei mir zuhause
auch noch Mega Drive, Master System, Game Boy und Lynx, die ich auch noch alle
immer wieder benutz – Ebay sei Dank wächst meine Altkram-Sammlung immer
weiter. Darüber hinaus habe ich es irgendwie geschafft, auch noch PlayStation,
PlayStation 2, GameCube, Xbox, Xbox 360 und Wii im Spielezimmer unterzubringen;
PSP, DS und GBA sind ja eher handlich. Achja, zwei PCs tummeln sich auch noch
im Arbeitszimmer, aber die nutze ich hauptsächlich zum Schreiben und fürs Vergammeln
der Zeit im Internet – Spielen tu ich darauf kaum noch. Ich schäme mich
allerdings, zugeben zu müssen, dass ich meine vollständige Dreamcast-Sammlung
vor einigen Jahren verschenkt habe. Das tut gelegentlich noch weh.
AJ: Was ist eigentlich aus den
ganzen Spielen geworden, die sich damals in Joker-Archiv
befanden?
PK: Puh, keinen Schimmer –
Markus hatte ja sein Argusauge auf dem Archiv. Ich hoffe wirklich, dass es in
den Händen eines Sammlers gelandet ist, der seinen Wert auch zu schätzen
wusste. Immerhin war das Ding fast lückenlos, in den Pappboxen waren etliche
Perlen verbuddelt, die man heutzutage gar nicht mehr oder nur noch für eklig
viel Geld bekommt. Aber vermutlich wurde das gesamte Sortiment in der
Konkursmasse verramscht oder verbrannt oder verirgendwast.
AJ: Hast Du mit dem Thema "Joker" abgeschlossen oder denkst
Du doch gelegentlich mal an die guten, alten Zeiten
zurück?
PK: Nee, das liegt lange hinter mir.
Es waren gute Zeiten und schlechte Zeiten, die mich in die Spielebranche
einführten und mir das ermöglichten, was ich heute mache. Dafür bin ich sehr
dankbar. Und ich würde es sehr begrüßen, wenn ein neues, zynisches, »anderes«
Magazin die gegenwärtig doch sehr trockene Magazinlandschaft in Deutschland
aufmischen würde. Aber das wird wohl nicht passieren – der Printleser von
heute verlangt scheinbar nach mathematisch durchstrukturierten Checklistentests
ohne Gefühl und persönliche Note; Individualität und Experimentierfreudigkeit
sind scheinbar nur noch bei Online-Magazinen möglich. Und selbst da versuchen erschreckend
viele, dem Vorbild von Printpublikationen nachzueifern, statt Kreativität unter
Beweis zu stellen. Schade. Aber alleine wirtschaftlich wäre ein Magazin wie der
Joker wohl kaum noch zu machen. Wenn man sieht, mit welchen Problemen Hefte
kämpfen, die mehr als 200.000 Exemplare unter die Leute bringen – der
Joker konnte da gerade mal die Hälfte stemmen.
AJ: Was hälst Du von der Idee AmigaJoker.de bei
dem es u.a. auch um rund um das Thema Joker Verlag geht? Würdest Du
Dich dort ggf. mal als Ehrengast sehen lassen?
PK: Ich bin tatsächlich mehr als
erstaunt, dass es nach all den Jahren immer noch Fans des Magazins gibt. Coole
Sache – da müssen wir ja doch irgendwas richtig gemacht haben! :) Ehrengast zu sein ist natürlich
immer gern gesehen, und wenn wir die Gelegenheit dazu bleibt, schaue ich auch
gerne bei euch vorbei. Allerdings bin ich nicht mehr so oft in Foren aktiv wie
noch vor ein paar Jahren. Aber ich verspreche, ein regelmäßiges Auge auf euch
zu werfen.
AJ: Paul, ich bedanke mich für das nette Interview und
wünsche Dir weiterhin alles Gute und viel Erfolg für die
Zukunft!
PK: Vielen Dank. Ebenso!
Copyright © by AmigaJoker.de - Das Portal für Amigafans! Alle Rechte vorbehalten. Publiziert am: 2008-04-06 (2686 mal gelesen) [ Zurück ]
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