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Interview mit Michael Hengst
Redakteur der PowerPlay




Hallo Michael, schön das ich Dich von diesem Interview überzeugen konnte. Deswegen wollen wir auch gleich mal loslegen...

AJ: Betreibst du immer noch deine Firma für Lösungsbücher?

MH: Nein, leider nicht. Die Firma (Das Trickwerk) ist vor über zwei Jahren in die Insolvenz gegangen. War eine schöne Zeit, aber hat nicht sollen sein. Außerdem ist das Geschäft heute viel schwerer: Immerhin verkaufen sich die Bücher heute nicht mehr so gut wie damals. Außerdem hatten wir ja nicht nur die Bücher, wir haben, als Miniverlag, zwei Zeitschriften gemacht und eine Reihe von Marketing-Zeug; zum damaligen Zeitpunkt für den deutschsprachigen Raum ziemlich revolutionäre Sachen, wie beispielsweise das ultraedle Presseheft für Diablo 2. Das war der Hammer – und wurde oft kopiert…

AJ: Warum hast du, nach dem Ausstieg bei der PP, nie wieder für ein anderes Mag geschrieben?
MH: Direkt nach dem Ausstieg habe ich für einen Games-Publisher gearbeitet und keine Gelegenheit gehabt. Aber ab 1996 habe ich wieder (allerdings nur sechs Monate) und ab 1998 dann auch öfter geschrieben. Beispielsweise für die Games & More aus dem Computec-Verlag, einige Sachen für den Stern (Online) und natürlich für unsere eigenen Magazine – die deutsche Ausgabe der Game Developer und die DVD-Home.

AJ: Was hältst du von den heutigen Spielezeitschriften auf dem deutschen Markt?
MH: Schwere Frage, immerhin arbeite ich für ein Software-Unternehmen, das eng mit den Magazinen kooperiert. Allerdings sind die Magazine im Vergleich zu den „alten“ Magazinen erheblich aufwendiger gemacht, mit DVD, Film und Spiel auf dem Cover, mehr Umfang, mehr Redakteuren und höheren Kosten. Dadurch ist das Geschäft deutlich härter und weniger familiär als damals. Wie die ganze Branche.

AJ: Welche Spiele hast du - rückblickend betrachtet - in deiner Redakteurszeit völlig überschätzt bzw. unterschätzt?
MH: Hmmmm … Ich stehe auch heute noch hinter meinen Wertungen – mag sein, dass ich damit nicht immer den Geschmack jedes Spielers getroffen habe, aber wie gesagt, ich halte auch heute noch die Wertungen für gerecht. Ich habe reichlich Schläge einstecken müssen, beispielsweise für die Wertung zu Dune 2 (wenn ich mich recht erinnere, ein „hoher 60er“), das heute ja als Meilenstein der Geschichte gilt, weil es so ungefähr das erste Echtzeitstrategie-Spiel war. Aber trotzdem: Sowohl die KI damals als auch eine Menge Probleme (Wegfindung etc.) waren der Anlass, diese Wertung zu geben. Ob ich mit allen Wertungen, die im Team entstanden sind, einverstanden bin? Da gibt es sicher das eine oder andere Spiel, das ich im Alleingang sicher anders bewertet hätte – beispielsweise Elite 2. Das war ein echtes Trauerspiel – im wahrsten Sinne des Wortes.

AJ: Spielst du heutzutage noch? Wenn ja, welche Spiele haben dich zuletzt wirklich begeistern können?
MH: Ja, ich spiele auch heute noch. Nicht mehr ganz so viel wie früher, aber trotzdem. Einige der aktuellen Spiele, die mir wirklich Spaß gemacht haben, waren Burnout 3, Call of Duty: United Offensive und Rome: Total War. Auch Warhammer: Dawn of War fand ich klasse – allerdings nur im Multiplayer, der Kampgnen-Modus war eher enttäuschend. Ansonsten natürlich noch einige obskure japanische Strategiespiele und einige der JoWood-Produktionen, die allerdings noch in der Mache sind, und über die ich noch nicht viel sagen darf.

AJ: Wie würde Michael Hengst Michael Hengst beschreiben (Anmerkung: Winfo kennt weder deine Artikel noch dein äußeres Erscheinungsbild)?

MH: Aua. Das hört sich an wie einige der Fragen, die man bei Einstellungsgesprächen stellt. Hmmm … Meine positiven Eigenschaften sind sicherlich Ehrlichkeit und eine gesunde Moralvorstellung, was Artikel angeht. Man sollte sich an Fakten halten und sich nicht aus Profitgründen verbiegen. Ich bin von Natur aus neugierig und wissensdurstig. Es gibt jeden Tag was Neues zu lernen, und wer das nicht zulässt oder glaubt, alles zu wissen, bleibt auf der Stelle stehen …
Auf der Negativ-Seite ist sicherlich zu verzeichnen, dass ich oft zu ungeduldig bin. Und die oben angeführten Eigenschaften machen mich manchmal zu einem schwierigen Mitarbeiter, weil ich nicht davor zurückschrecke, mal den Mund aufzumachen. Ich will mir morgens noch in den Spiegel schauen können. Das ist nicht immer leicht, weil Opportunisten oft weiter kommen, aber ich in diesem Punkt kann ich nicht über meinen Schatten springen.


AJ: Welcher Jahrgang bist du?

MH: Tja, ich bin schon fast ein Opa Jahrgang 1962 – die magische Zahl 42 …

AJ: Wie lange warst du bei der Powerplay, und warum hast du aufgehört?

MH: Insgesamt war ich fast sieben Jahre bei dem Verein, und ich habe aufgehört, weil der tägliche Kampf mit der Verlagsleitung zu keinem Ergebnis führte. Die Powerplay hatte in dem Verlag den Status einer Milchkuh, und statt wenigstens einen Teil des Geldes wieder zu investieren, wurden die Gewinne aus dem Objekt lieber in irgendwelche abstrusen Projekte gesteckt und versenkt. Was mir dann den Rest gegeben hat, war ein Spruch von einem der Verlagsleiter: „Das Heft ist an Position Eins, und da wird es auch bleiben, ohne dass wir was tun müssen!“ Diese Borniertheit und die Ignoranz gegenüber dem anziehenden Wettbewerb konnte ich nicht mehr ertragen.

AJ: Hast du auch für andere Magazine geschrieben?

MH: Ich glaube, diese Frage wird oben schon beantwortet.

AJ: Wie sieht dein privater Hardware-Fuhrpark aus? Bist du eher der Oldschooler (C64, Amiga etc.) oder eher ein Next-Generation-Freak (Xbox, PS2 etc.)?

MH: So ein bisschen von beidem: Ich habe noch einige alte Konsolen, aber keinen 64 und auch meinen geliebten Atari ST nicht mehr. Dank Emulatoren und Handhelds kann man ja die alten Titel wieder zocken – aber ehrlich, wer macht das noch? Heute habe ich vier (räusper) PCs, eine PS2, eine Xbox und den üblichen GBA. Damit ist mein Hardware-Park auch schon voll – und meine Stromrechnung gewaltig …

AJ: Wie sah der Alltag als Powerplay-Redakteur aus?

MH: Schlafen bis um 11:00, spielen bis um 17:00, und ein bisschen schreiben bis um 18:00 . Nein, im Ernst: Arbeitsanfang war um 10:00, dann wurde die Post nach neuen Testmustern durchsucht und verteilt. Dann gab es eine Konferenz, wo der aktuelle Redaktionsplan durchgeackert und die Seiten, Rubriken und die Arbeit eingeteilt wurde. Dann ging es daran, Bilder zu machen (damals noch per Hand – direkt vom Monitor per Diafilm abfotografiert), bereits gesetzte Seiten zu kürzen oder zu längen (auch das noch in der Vor-DTP-Ära). Dann ging natürlich ein großer Teil der Zeit für Telefonieren drauf, um neue Testmuster an Land zu ziehen, Storys zu organisieren, Interviews vorzubereiten usw. Gespielt wurde dann meistens nachts.

AJ: Vermisst du die gute alte Zeit (Mitte 80er bis Mitte 90er)?
MH: Jain. Klar, es war damals schon eine wilde, schöne Zeit. Hatte so ein bisschen was von Gründerflair. Aber das war damals, und so gerne ich dabei war, und so sehr ich das auch genossen habe: Ich lebe nicht in der Vergangenheit. Interessant ist, was morgen passiert.

AJ: Hast du noch Kontakt zu anderen PP-Redakteuren?
MH: Gelegentlich bis selten. Aber auch hauptsächlich durch den neuen Job.

AJ: Gab es in deiner Zeit als Redakteur der PP im zwischenmenschlichen Bereich Dinge, die du als sehr positiv empfunden hast oder die dich besonders negativ überrascht haben? Ich meine damit vor allem deine Erfahrungen mit Verlagsleitern und anderen Redakteuren.
MH: Tja, meine Meinung zu den Verlagsleitern habe ich oben ausführlich beschrieben. Mit den Redakteuren bin ich, bis auf gelegentliche Ausnahmen, super zurechtgekommen. Aber ich werde hier keine schmutzige Wäsche waschen … Nur eines sei gesagt: Wie in allen Berufen, wie im normalen Leben auch, gibt es Leute und Menschen, mit denen man besser auskommt als mit anderen.

Martin Gaksch und Winnie Forster haben ja nach dem Weggang von Markt und Technik die Cybermedia GmbH gegründet. Gab es nie eine Möglichkeit für dich, bei der Man!ac oder AudioVision als Redakteur tätig zu werden? Immerhin habt ihr ja mehrere Jahre bei der PP zusammengearbeitet.

Hahaha … Ich denke, dass Martin mich nicht hätte bezahlen können. Wenn man jenseits der 40 ist, wird man nicht billiger … :D. Und als kleiner Verlag muss man schon auf die Kosten schauen – das weiß ich auch aus eigener leidvoller Erfahrung. Martin hat meinen tiefsten Respekt und meine Hochachtung für diese Leistung, im Kampf mit den zahlreichen Großverlagen solange dabei zu sein.

AJ: Dem Namen Powerplay wird ja im November mit der dann erscheinenden PC Powerplay wieder Leben eingehaucht. Empfindest du dies als Leichenfledderei? Die alte PP genießt ja Kultstatus, als könnte man Cypress vorwerfen, aus der altehrwürdigen Bezeichnung PP Kapital schlagen zu wollen -?
MH: Leichenfledderei ist das nicht. Ob ich Cypress was vorwerfe? Nein. Wie gesagt, heutzutage regiert das Geschäft. Und wenn der Verlag eine Chance sieht, damit Geld zu verdienen – warum nicht. Allerdings ist das eine zweischneidige Sache. Denn gerade weil die PP gewissermaßen Kultstatus genießt, kann der Schuss bei dieser Lesergruppe der über 30-Jährigen in den Ofen gehen. Aber mal ehrlich: Von den Kids da draußen kennt uns kein Mensch.

AJ: Soweit ich mich erinnern kann, hast du eine Lehre als Teppichverkäufer gemacht und bist über Anatol Locker zur PP gestoßen. Glaubst du, dass man heute nur noch mit einem entsprechenden Studium bei einem Verlag als Redakteur landen kann? Ist der Einstieg für Neulinge generell schwieriger geworden?
MH: Sicher ist es ein wenig schwieriger geworden, allerdings sind die meisten der aktuellen Redakteure immer noch Quereinsteiger. Ist also eine „fundierte“ Journalistenausbildung notwendig, um Spieleredakteur zu werden? Ich glaube, nein – auch wenn es hilft. Wer halbwegs sicher schreiben kann, über sehr gute Englischkenntnisse verfügt und eine hohe Arbeitsmoral mitbringt, hat auch heute noch eine Chance. Allerdings sind die meisten Verlage dazu übergegangen, erst ein Volontariat anzubieten, bevor man es zum Redakteur macht. Ein weiteres Problem: Im Regelfall sind die Redaktionen schon gut mit Personal versorgt – und wenn nicht gerade jemand ausscheidet oder wechselt, dürfte es nicht ganz leicht sein.

AJ: Was hältst du von den jüngst erschienenen Büchern von Winnie Forster?
MH: Keine Ahnung, habe ich nie gelesen.

AJ: Die Man!ac hat als einziges Multiformat-Magazin für Konsolen die damaligen Mitbewerber, wie z.B. die VideoGames, überlebt. Wie beurteilst du die Arbeit deines Ex-Kollegen Martin Gaksch und seines Teams?

MH: Auch diese Frage habe ich oben schon beantwortet: Ich schätze die Man!ac als kompetentes und gut recherchierte Magazin, und dafür meinen Respekt.

AJ: Glaubst du, dass ein kleiner Verlag heute überhaupt noch eine Chance gegen die Riesen der Branche (IDG, Computec) hätte? Wie müsste deiner Meinung nach ein PC-Magazin eines solchen Verlages aussehen (inhaltlich), um gegen diese Übermacht bestehen zu können? Oder sind diese Zeiten endgültig vorbei?
MH: Ein kleiner Verlag hat heute keine Chancen mehr – es sei denn, der Besitzer hat gerade im Lotto gewonnen. Ein Heft zu machen und an den Kiosk zu bringen kostet heute Millionen. Es ist nicht damit getan, ein gutes Magazin einfach in den Handel zu stellen. In dem Zeitschriften-Wust geht das unter. Und wenn ich mir heute einige Hefte anschaue, frage ich mich ernsthaft, ob die - teilweise mit mehreren DVDs, ganzen Kinofilmen und Spielen, und das zu einem Dumpingpreis - wirklich noch wirtschaftlich tragbar sind. Von einem kleinen Verlag ist so etwas nicht zu finanzieren.

AJ: Aus deiner heutigen Sicht: Wird man als Redakteur einer Spielezeitschrift für die angepeilte Zielgruppe irgendwann einfach zu alt und damit unglaubwürdig?

MH: Nein. Im Gegenteil – durch die Erfahrung, die man hat, wird ein älterer Schreiber, glaube ich, eher noch glaubwürdiger. Immerhin kennt der betreffende Redakteur Titel und Leute, von denen „Frischlinge“ noch nie was gehört haben . Außerdem wird der Schreibstil geschliffener, man wird sich nicht so schnell beeindrucken lassen und hinterfragt vieles.

AJ: Gab es irgendein System, das dir in deiner Zeit als Redakteur bei der PP besonders ans Herz gewachsen war? Welche(s) System(e) hast du gehasst?
MH: Meine Lieblingssysteme waren sicherlich der C64, der Atari ST und die PC-Engine. Meine Schwierigkeiten (damals) hatte ich mit den ersten PCs. CGA-Grafik und Piepser … brrrrr …

AJ: Wie hast du vom endgültigen Aus der PP erfahren, wie waren die Reaktionen deinerseits?
MH: Ich habe das erfahren durch einen ehemaligen Kollegen, der dort arbeitete. Gewundert hat es mich allerdings nicht. Das Magazin ist systematisch in Grund und Boden konzipiert worden – das war schon tragisch. Aber es ist halt passiert und heute nicht mehr zu ändern. Meine Reaktion war also eher gemäßigt bis neutral. Zu dem Zeitpunkt habe ich die PP eigentlich nicht mehr wirklich wahrgenommen.

AJ: Gibt es ein aktuelles Foto von dir bzw. Bilder aus deiner Zeit bei der PP (vielleicht irgendeine Rarität), die du uns zur Verfügung stellen würdest?
MH: OK, hier mal ein aktuelles Foto von mir, und eine echte Rarität: Die Stiefel, die ich auf dem Vorstellungs-Bild in der PP anhatte, habe ich heute noch (und sie werden auch noch regelmäßig getragen). Immerhin sind die Dinger etwa 17 Jahre (!) alt.

AJ: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

MH: Na ja, erstmal möchte ich mich wieder von den „Altlasten“ aus meiner Pleite befreien. Dann will ich natürlich ein paar gute Spiele und Entwickler finden (für meinen derzeitigen Job – und zwei sind da schon dabei …). Und danach? Ich lasse das mal auf mich zukommen. Ich habe gelernt, dass sich morgen alles ändern kann und die beste Planung schnell wieder durcheinander kommt.

AJ: Michael, wir wünschen dir für deine private und berufliche Zukunft alles Gute, viel Gesundheit und noch viel Spaß beim Zocken. Wenn du möchtest, registriere dich doch bei uns im Forum, wir würden dich dann als eine Art Special Member ansehen. (Kleiner Tipp bezüglich deines Nicks wäre nicht schlecht).









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Publiziert am: 2006-12-09 (3548 mal gelesen)

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